Consano-Verein Physician Profiling

 

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Verein für eine Faire und Soziale Medizin in der Schweiz

Symposium September 2007

 

 

Das 3. Symposium von Consano wurde von ca 60 interessierten Personen in Olten besucht. Im folgenden machen wir die Vorträge im pdf Format verfügbar. Für Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an Dr. Jeger oder Dr. Romanens. Mit nochmaligem bestem Dank an alle, die dieses Symposium unterstützt oder dazu beigetragen haben. 

 

Programmflyer / Artikel Oltner Tagblatt über das Symposium / Artikel im Surprise November 2007

Durch das Programm führte Alenka Ambroz, Strategie und Kommunikation, Küsnacht
Peter Gomm, Landammann, Kanton Solothurn

Erika Ziltener, Präsidentin Patientenstelle Schweiz Texttranskription

Georg Noll, Verantwortlicher kardiovaskuläre Prävention, Universität Zürich 

Fritz Britt, Direktor Santésuisse 

Christoph Ramstein, Co-Präsident VEDAG 

Konstantin Beck, Leiter CSS Institut für empirische Gesundheitsökonomie, Uni Zürich 

Peter Indra, Vize-Direktor BAG 

Virtuelle Patientin

Anova Statistik der Santésuisse (detaille, francais) 

Materialien zu Rationierung, Pharmacy Cost Groups und Mittelwerten

Logtransformation of skewed averages 

 

Zusammenfassung der Tagung 

 

Wenn wir die Vorträge werten sollten, würden wir den Beitrag von Peter Gomm als den besten bezeichnen. Er stellte die Würde des Menschen in seiner Rede in den Vordergrund. Gegensatzfragen über Leben und Sterben, über Ethik und Kosten haben eine gesellschaftlich hohe, aber in den Diskursen der Gesundheitspolitik immer noch weitgehend verdrängte, Bedeutung. 

 

In ihrem Referat wie auch auf dem Podium betonte Erika Ziltener die Bedeutung der Arzt-Patienten Beziehung, welche auch in Zukunft trotz "Internet Empowerment" wichtig bleiben wird. Die Beratung im Gespräch zwischen Arzt und Patient ist durch nichts ersetzbar und sollte entsprechend auch honoriert werden. Die Verlagerung von Hausarztaktivitäten in die Ambulatorien der Spitäler wurde zudem ebenfalls als unnötige und teure Entwicklung erwähnt. 

 

Georg Noll wies in seinem eloquenten und pointierten Referat auf das Problem der versteckten Rationierung hin. Anhand von neuen wissenschaftlichen Daten ist es vor allem die Zeitmenge für die Patienten, wo der Arzt sich gezwungen sieht, versteckte Rationierung zu betreiben. Zeit ist Beratung ist Aufklärung ist Prävention. Diese Ebene der Arzt-Patientenbeziehung wird zu wenig honoriert und ist letztlich für die Durchsetzung der Richtlinien zur Prävention so wichtiger Krankheiten wie Herzschlag und Hirninfarkt ein unerlässlicher Bestandteil der Patientenführung. 

 

Fritz Britt - sein Beitrag sei an dieser Stelle bestens verdankt - erklärte die Bedeutung der Wirtschaftlichkeitskontrollen vor dem Hintergrund der hohen Gesundheitskosten in der Grundversicherung. Er wies auch mit aller Deutlichkeit auf die gesetzlichen Grundlagen dieser Kontrollen und die 40 jährige Praxis und Erfahrung mit diesen Instrumenten hin. Verschiedene Voten aus dem Publikum monierten jedoch, das viele (zu viele ?) Arzte in der Grundversorgung durch die Kontrollen erheblich verunsichert würden. Tatsächlich wiesen von 17'228 kontrollierten praktizierenden Aerzten 2297 oder 13% der Grundversorger in der Schweiz im Jahre 2004 einen statistisch erhöhten Kostenbedarf von über 30% auf. Diese "auffälligen" Grundversorger wurden dann in 766 Fällen (4.5%) schriftlich verwarnt. Bei 82 Aerzten (0.5%) waren schliesslich Rückforderungen durchsetzbar. Dieses flächendeckende "präventive" Kontrollverfahren würde bei den Aerzten erhebliche Verunsicherung erzeugen und bewirken, dass auch bei zweckmässigen ärztlichen Handlungen Einsparungen erfolgen würden, welche letztlich die Qualität der Patientenversorgung betreffen könnten. 

 

Christoph Ramstein wies auf die zentrale Bedeutung des Hausarztes im Management-Netzwerk des Patienten hin. Er wehrte sich selbstverständlich nicht gegen Kontrollen, monierte aber, dass die Morbidität in den bisherigen Modellen zu wenig berücksichtigt würde. Da 10% der Patienten 60% der Kosten verursachen ("teure" Patienten), ist der Arzt, welcher viele teure Patienten versorgen muss, automatisch auch der auffällige Arzt?

 

Dezidiert äusserte sich der CSS-Statistiker Konstantin Beck zum Problem des Risikoausgleichs. Seine modernen Risikoausgleichsverfahren, welche die Kosten der Medikamente (pharmaceutical cost groups) in den Wirtschaftlichkeitskontrollen berücksichtigen, würden noch nicht einmal im Parlament wahrgenommen, welches sich betreffend wissenschaftlich validierten Risikoausgleichverfahren auf dem Niveau der Wissenschaft von 1999 bewegen würde. 

 

Der Vize-Direktor des BAG, Peter Indra, hinterliess einen ausgezeichneten und ausgewogenen Eindruck. Er plädierte für eine rationale Diskussion um das Problem Rationierung, welche in der Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern noch ein geringes Ausmass habe. Grundsätzlich hielt auch er eine Verbesserung des Kontrollinstruments anhand eines verbesserten Risikoausgleichs für prüfenswert. Klar war seine Haltung betreffend Aufsichtspflicht: die santésuisse sei als privater Verein dem BAG nicht unterstellt. Die Frage würde aber überprüft und bis im Frühling 2008 beantwortet: das Rechtsgutachen Kägi Rhinow scheint somit ein Cosano-Volltreffer gewesen zu sein. 

 

Zusammenfassend fanden wir eine Beruhigungshaltung betreffend  versteckte Rationierung durch Versicherer und Gesundheitsbehörden, während die medizinischen Akteure im Gesundheitswesen weiterhin das Kostenkontroll-Instrument der Versicherer für wenig produktiv halten und keineswegs beruhigt wirkten. Bedenkt man, dass 17'000 Aertze Angst vor dem Kontroll-Instrument der Versicherer bekunden könnten, schliesslich aber nur 0.5% oder 80 von 17'000 Aerzte mit Regressforderungen belangt werden, fragt man sich schon, ob der Aufwand lohnt. Das sehen natürlich auch die Versicherer, welche aber daraus eine Tugend machen: weil das Kontroll-Instrument so gut sei, würden viele schwarze Schafe erst gar nicht versuchen, die Versicherer zu betrügen (präventive Wirkung). Dass dieses flächendeckende, Angst erzeugende Verfahren versteckte Rationierung bewirken kann, konnte auch an dieser Tagung von Consano nicht abschliessend geklärt werden. Zu fragen bleibt noch, ob diese präventive Überarztungsmethode der Versicherer dem Geist der Legislation entspricht. Weiteres Rechtsgutachten fällig ? Selbst Fritz Britt fand, dass das Kontrollinstrument verbesserungswürdig ist. Zudem würden ja normalerweise Fachgesellschaften die Kontrolle der Kosten bei den Mitgliedern, z.B. bei den Juristen, effizient durchführen. Warum müssen externe Kräfte Wirtschaftlichkeitsverfahren bei Aerzten durchführen, wo doch die Aerzte das selber tun könnten?

 

Der gemeinsame Nenner der Tagung könnte folgendermassen umschrieben werden: dass das heutige Kontroll-Instrument keine der Parteien genügend befriedigt, war mehr oder weniger bei allen spürbar. Verbesserungsbedarf liegt vor. Konstantin Beck hat einen valablen Lösungsvorschlag aufgezeigt, welcher flächendeckend für die ganze Schweiz verwendet werden könnte: pharmaceutical cost groups als Risikoausgleichsvariable in der Grundversorgung. Auch wir halten diesen Weg für sehr prüfenswert. 

 

Daraus leiten wir unser weiteres Vorgehen ab: 

 

# 1 : Einsichtnahme in die Rohdaten von Santésuisse durch uns, das BAG oder wer auch immer (Oeffentlichkeitsprinzip betr sehr sensibler Daten der Wirtschaftlichkeitsverfahren). Es kann nicht sein, dass ein privater Verein in der Schweiz die gesamte Aerzteschaft der Schweiz im ambulanten Sektor mit Regressforderung bedroht, ohne dass unabhängige Stellen die Kontrollarbeit der Versicherer prüfen. Es ist nicht geprüft worden, ob die Rechnungsstellerstatistik inkl. Anova korrekt durchgeführt wird.  Dies kann nur durch eine unabängige Stelle erfolgen, schliesslich ist santésuisse hier Klägerin und Richterin in Personalunion. 

# 2 : Intergrierung der Morbiditätsdaten in das Aerzterating in Form von Pharmaceutical Cost Groups

# 3 : Die sofortige Aufhebung des Aerzteratings in der bisherigen Form, insbesondere betreffend präventive Überarztungs-Verhinderung (kein Gesetzesauftrag, Rechtsgutachten könnte folgen)

# 4 : Durchführung der Wirtschaftlichkeitsverfahren nach verbesserter Statistik (verbessertem Risikoausgleich anhand von pharmaceutical cost groups) durch die trust centers der Aerzte. Das Kontrollverfahren der santésuisse ist dann obsolet.  

Michel Romanens, 21.09.2007