Zusammenfassung
der Tagung
Wenn wir die Vorträge werten
sollten, würden wir den Beitrag von Peter Gomm als den besten bezeichnen.
Er stellte die Würde des Menschen in seiner Rede in den Vordergrund.
Gegensatzfragen über Leben und Sterben, über Ethik und Kosten haben eine
gesellschaftlich hohe, aber in den Diskursen der Gesundheitspolitik immer
noch weitgehend verdrängte, Bedeutung.
In ihrem Referat wie auch auf
dem Podium betonte Erika Ziltener die Bedeutung der Arzt-Patienten
Beziehung, welche auch in Zukunft trotz "Internet Empowerment"
wichtig bleiben wird. Die Beratung im Gespräch zwischen Arzt und Patient
ist durch nichts ersetzbar und sollte entsprechend auch honoriert werden.
Die Verlagerung von Hausarztaktivitäten in die Ambulatorien der Spitäler
wurde zudem ebenfalls als unnötige und teure Entwicklung erwähnt.
Georg Noll wies in seinem
eloquenten und pointierten Referat auf das Problem der versteckten
Rationierung hin. Anhand von neuen wissenschaftlichen Daten ist es vor
allem die Zeitmenge für die Patienten, wo der Arzt sich gezwungen sieht,
versteckte Rationierung zu betreiben. Zeit ist Beratung ist Aufklärung
ist Prävention. Diese Ebene der Arzt-Patientenbeziehung wird zu wenig
honoriert und ist letztlich für die Durchsetzung der Richtlinien zur
Prävention so wichtiger Krankheiten wie Herzschlag und Hirninfarkt ein
unerlässlicher Bestandteil der Patientenführung.
Fritz Britt - sein Beitrag sei
an dieser Stelle bestens verdankt - erklärte die Bedeutung der
Wirtschaftlichkeitskontrollen vor dem Hintergrund der hohen
Gesundheitskosten in der Grundversicherung. Er wies auch mit aller
Deutlichkeit auf die gesetzlichen Grundlagen dieser Kontrollen und die 40
jährige Praxis und Erfahrung mit diesen Instrumenten hin. Verschiedene
Voten aus dem Publikum monierten jedoch, das viele (zu viele ?) Arzte in
der Grundversorgung durch die Kontrollen erheblich verunsichert würden.
Tatsächlich wiesen von 17'228 kontrollierten praktizierenden Aerzten 2297
oder 13% der Grundversorger in der Schweiz im Jahre 2004 einen statistisch
erhöhten Kostenbedarf von über 30% auf. Diese "auffälligen"
Grundversorger wurden dann in 766 Fällen (4.5%) schriftlich verwarnt. Bei
82 Aerzten (0.5%) waren schliesslich Rückforderungen durchsetzbar. Dieses
flächendeckende "präventive" Kontrollverfahren würde bei den
Aerzten erhebliche Verunsicherung erzeugen und bewirken, dass auch bei
zweckmässigen ärztlichen Handlungen Einsparungen erfolgen würden,
welche letztlich die Qualität der Patientenversorgung betreffen
könnten.
Christoph Ramstein wies auf die
zentrale Bedeutung des Hausarztes im Management-Netzwerk des Patienten
hin. Er wehrte sich selbstverständlich nicht gegen Kontrollen, monierte
aber, dass die Morbidität in den bisherigen Modellen zu wenig
berücksichtigt würde. Da 10% der Patienten 60% der Kosten verursachen
("teure" Patienten), ist der Arzt, welcher viele teure Patienten
versorgen muss, automatisch auch der auffällige Arzt?
Dezidiert äusserte sich der
CSS-Statistiker Konstantin Beck zum Problem des Risikoausgleichs. Seine
modernen Risikoausgleichsverfahren, welche die Kosten der Medikamente
(pharmaceutical cost groups) in den Wirtschaftlichkeitskontrollen
berücksichtigen, würden noch nicht einmal im Parlament wahrgenommen,
welches sich betreffend wissenschaftlich validierten
Risikoausgleichverfahren auf dem Niveau der Wissenschaft von 1999 bewegen
würde.
Der Vize-Direktor des BAG,
Peter Indra, hinterliess einen ausgezeichneten und ausgewogenen Eindruck.
Er plädierte für eine rationale Diskussion um das Problem Rationierung,
welche in der Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern noch ein geringes
Ausmass habe. Grundsätzlich hielt auch er eine Verbesserung des
Kontrollinstruments anhand eines verbesserten Risikoausgleichs für
prüfenswert. Klar war seine Haltung betreffend Aufsichtspflicht: die
santésuisse sei als privater Verein dem BAG nicht unterstellt. Die Frage
würde aber überprüft und bis im Frühling 2008 beantwortet: das
Rechtsgutachen Kägi Rhinow scheint somit ein Cosano-Volltreffer gewesen
zu sein.
Zusammenfassend fanden wir eine
Beruhigungshaltung betreffend versteckte Rationierung durch
Versicherer und Gesundheitsbehörden, während die medizinischen Akteure
im Gesundheitswesen weiterhin das Kostenkontroll-Instrument der
Versicherer für wenig produktiv halten und keineswegs beruhigt wirkten. Bedenkt man, dass 17'000 Aertze
Angst vor dem Kontroll-Instrument der Versicherer bekunden könnten,
schliesslich aber nur 0.5% oder 80 von 17'000 Aerzte mit
Regressforderungen belangt werden, fragt man sich schon, ob der Aufwand
lohnt. Das sehen natürlich auch die Versicherer, welche aber daraus eine
Tugend machen: weil das Kontroll-Instrument so gut sei, würden viele
schwarze Schafe erst gar nicht versuchen, die Versicherer zu betrügen
(präventive Wirkung). Dass dieses flächendeckende, Angst erzeugende
Verfahren versteckte Rationierung bewirken kann, konnte auch an dieser
Tagung von Consano nicht abschliessend geklärt werden. Zu fragen bleibt
noch, ob diese präventive Überarztungsmethode der Versicherer dem Geist
der Legislation entspricht. Weiteres Rechtsgutachten fällig ? Selbst
Fritz Britt fand, dass das Kontrollinstrument verbesserungswürdig ist.
Zudem würden ja normalerweise Fachgesellschaften die Kontrolle der Kosten
bei den Mitgliedern, z.B. bei den Juristen, effizient durchführen. Warum
müssen externe Kräfte Wirtschaftlichkeitsverfahren bei Aerzten
durchführen, wo doch die Aerzte das selber tun könnten?
Der gemeinsame Nenner der
Tagung könnte folgendermassen umschrieben werden: dass das heutige
Kontroll-Instrument keine der Parteien genügend befriedigt, war mehr oder
weniger bei allen spürbar. Verbesserungsbedarf liegt vor. Konstantin Beck
hat einen valablen Lösungsvorschlag aufgezeigt, welcher flächendeckend
für die ganze Schweiz verwendet werden könnte: pharmaceutical cost
groups als Risikoausgleichsvariable in der Grundversorgung. Auch wir
halten diesen Weg für sehr prüfenswert.
Daraus leiten wir unser weiteres Vorgehen ab:
# 1 : Einsichtnahme in die Rohdaten von Santésuisse
durch uns, das BAG oder wer auch immer (Oeffentlichkeitsprinzip betr sehr
sensibler Daten der Wirtschaftlichkeitsverfahren). Es kann nicht sein,
dass ein privater Verein in der Schweiz die gesamte Aerzteschaft der
Schweiz im ambulanten Sektor mit Regressforderung bedroht, ohne dass
unabhängige Stellen die Kontrollarbeit der Versicherer prüfen. Es ist
nicht geprüft worden, ob die Rechnungsstellerstatistik inkl. Anova
korrekt durchgeführt wird. Dies kann nur durch eine unabängige
Stelle erfolgen, schliesslich ist santésuisse hier Klägerin und
Richterin in Personalunion.
# 2 : Intergrierung der Morbiditätsdaten in das
Aerzterating in Form von Pharmaceutical Cost Groups
# 3 : Die sofortige Aufhebung des Aerzteratings in
der bisherigen Form, insbesondere betreffend präventive
Überarztungs-Verhinderung (kein Gesetzesauftrag, Rechtsgutachten könnte
folgen)
# 4 : Durchführung der Wirtschaftlichkeitsverfahren
nach verbesserter Statistik (verbessertem Risikoausgleich anhand von
pharmaceutical cost groups) durch die trust centers der Aerzte. Das
Kontrollverfahren der santésuisse ist dann obsolet.
Michel Romanens, 21.09.2007
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